Archives for category: das leben

beim warten auf die ubahn hastet ein hagerer bleicher mann vorbei, ausgezehrt, lebensmittelalterlich, er hat lange schwarze rastas, wahrscheinlich ist es eine perücke. darüber trägt er große dj kopfhörer, einmal dreht er sich um und legt einen starren und irren blick an den tag.

ich habe den impuls ein photo zu machen, aber keine kamera dabei, und es wäre sowieso viel zu aufdringlich.

in der ubahn sehe ich mich um: kein mensch wie der andere, und trotzdem bin ich mit den einteilungen schnell zur hand – frisuren, kleidung, makeup, handymarken, einkaufstaschen. alles ergibt letztlich ein schnelles erstes bild (wobei es das englische image hier wohl noch besser trifft). vermutlich eines davon, was die person hinter der frisur, hinter ihrer kleidung, dem makeup, den einkaufstaschen samt inhalt repräsentieren möchte. ein bild, das aufschluss darüber gibt, wer sie gern sein möchte, womit sie sich identifiziert.
(dazu muss ich anmerken, dass ich es für erstrebenswert halte herauszufinden, was einem ganz im innersten entspricht und das zu leben und auszudrücken, dass ich aber auch denke, dass das sehr schwer herauszufinden ist und man sich in der zwischenzeit mit dem herstellen äußerer bilder einer selbst durch die oben genannten dinge behilft.)

wenn ich davon ein photo machte, würde ich letztlich also das bild abbilden, das sich der abgebildete mensch von sich macht.

ich überlege weiter, in welche situation man einen menschen bringen könnte, in der er unverhüllt auf sein inneres blicken ließe. vielleicht an einem völlig fremden ort, der mensch nackt, auf dem kahlen boden oder in der natur. und vor allem schlafend. und dann würde vielleicht ein photo entstehen, das den menschen selbst abbildet. aber selbst dann lägen die wahl des kameraausschnittes, die technik, der lichteinfall dazwischen.

viel interessanter ist natürlich die art von photographie, die den aufwand nicht braucht den menschen ausgezogen und schlafend an einen fremden ort zu verfrachten, sondern die durch die ganzen bilderzeugenden hüllen hindurch den kurzen augenblick einfängt, in dem diese hülle bricht.

auf dem etikett im asia supermarkt steht “erfahrener seetang”, und ich denke nach. gibt es beim seetang vielleicht altersstufen, wie bei käse oder whiskey? oder gibt es bestimmte gerichte, für die man auf keinen fall zu jungen seetang verwenden sollte? ich lese die anderen sprachen auf dem etikett, und da steht “seasoned seaweed”. achso. da hat wohl doch nur die googleübersetzung das falsche wort gewählt.

#

der kamerarucksackverkäufer ist übelgelaunt, besserwisserisch und behandelt sein lehrmädchen nicht gerade freundlich. nachdem ich bezahlt habe wünscht er mir devot grinsend ein schönes wochenende. menschen sind merkwürdig.

#

aus dem gemeindebau gegenüber wird die straße mit u2 beschallt. “i still haven’t found what i’m looking for” läuft gerade im loop. ich suche ja auch etwas, das ich bisher noch nicht gefunden habe: eine schallisolierte wohnung.

#

ich stolpere in der nacht bei der recherche für ein filmprojekt völlig unzusammenhängend über einen artikel zum amoklauf in winnenden und lese mich fest. eine traumaexpertin spricht über die rückkehr zum tatort. dass das bei manchen augenzeugen zwanghaft wird. offenbar versucht die psyche durch diese rückkehr die hoffnung auf einen alternativen, besseren ausgang der tat herzustellen.

“Die Psyche versucht, durch die Wiederholung einen anderen Ausgang zu konstruieren.” Trauma-Sucht nennt sie das. Wie bei Frauen, die immer wieder zu dem zurückgehen, der sie schlug. (*)

dieser gedanke hängt mir nach. ich habe mir schon oft die frage gestellt, wieso das so schwierig ist mit dem sich loslösen von bestimmten dingen. warum ich immer wieder über menschen lese, die zu beziehungstätern zurückkehren. die hoffnung auf einen besseren ausgang also. das ist eine interessante erkenntnis. und jedenfalls gut zu wissen.

aus dem zug gesehen: diverse kukuruzfelder, zwei verdörrte sonnenblumenfelder, einen roten heißluftballon, obstbaumgärten, ein reh.

#

jacques brel war erstens belgier und hat zweitens eine ziemlich andere stimme wenn er auf flämisch singt.

#

wien – brüssel – falaen – brüssel – wien -salzburg – wien in 7 tagen.

#

die filmemacher in belgien haben klaviere zu hause, und dvdregale in denen blockbuster neben arthousefilmen, opern neben tanztheaterfilmen und amerikanische tv serien wohnen. in den bücherregalen sieht es genauso spannend aus, in den gesprächen ohnehin. ich gehe in salzburg zum ersten mal seit langem wieder ins theater und bin völlig atemlos: die unglaublich guten schauspieler, die kluge umsetzung der nicht minder klugen stefan zweig bearbeitung, das karge bühnenbild, das auf grund seiner abstraktheit so gut funktioniert. conclusio: ich will mich mehr mit kunst umgeben, sie macht mein leben reicher.

gerade bin ich zwei stunden lang mit dem rad gefahren. wobei mäandert eher zutrifft. ich bin kurz in der alten heimat, und das wetter ist so schön, da habe ich beschlossen orte von früher aufzusuchen.

weil ich das schon lange nicht mehr getan habe biege ich hier und da falsch ab, gleich am anfang verliere ich zwischen den neugebauten supermärkten am rand des erweiterten flughafenrollfelds die orientierung, aber das macht nichts, denn dafür weiß ich jetzt, wo die zeugen jehovas ihren königreichsaal haben.

mitten im aufwändig deregulierten bachbett der glan sitzt eine frau in einem hellblauen tshirt und spielt mit ihren zwei chihuahuas. weiter vorne badet eine frau im bikini im eiskalten wasser und lässt sich die sonne ins gesicht scheinen. ich stelle fest, wie anders der sommer hier riecht, nach vertrocknetem gras und erhitztem holz.

richtung fürstenbrunn überhole ich eine reiterin, später fahre ich durch das schloss glanegg, und dann die moosstraße richtung stadt. der plan wäre anders gewesen, nämlich bei dem einen gasthaus einen zwischenstopp einzulegen und einen gemischten most zu bestellen, aber ich fahre offensichtlich zu früh nach links.

auf dem weg in die stadt fällt mir ein straßenname auf, den ich vage mit meiner verstorbenen großmutter verbinde, also fahre ich links und dann immer der straße entlang, mit so einer ahnung, dass ich dann zu dem ehemaligen großelterngrundstück gelangen würde, und nachdem ich einen ort von vor einer stunde erneut passiert habe, geht es noch ein stück weiter, und irgendwann denke ich, dass es das sein muss. aber alles sieht so fremd aus, mit neuen häusern, verbauten wiesen, und ich kann irgendwie nicht stehen bleiben.

“bei dem nächsten gasthaus rechts abbiegen” sagt mein innerer navigator, und plötzlich fällt mir ein, dass mein gesangslehrer hier gewohnt hat, der sicherlich lange vor mir gemerkt hatte, dass ich nicht zum singen zu ihm komme, sondern damit wir eine zigarette rauchen und über das leben sprechen. später hatte er mit dem rauchen aufhören müssen, sprichwörtlich schweren herzens, und sein herz wollte dann trotzdem bald nicht mehr und er ist gestorben.

rechts durch den schattigen wald komme ich irgendwann wieder zur glan und später zur mosstraße zurück, und ich erinnere mich dunkel an eine querverbindung zum leopoldskroner weiher. ich kaufe wasser bei einer tankstelle, sonnencreme gibt es dort leider nicht, aber woher hätte ich denn beim losfahren wissen sollen, dass ich stundenlang in der mittagshitze durch die alte heimat kurven würde. “hast dir eh die nase eingschmiert?” höre ich meine besorgte mutter im hinterkopf. ja mama, hab ich, vor dem wegfahren. (und mama hat recht, ich bekomme in der sonne rasend schnell eine rote nase, das ist nicht nur gefährlich sondern es sieht auch unschön aus.)

fast bin ich versucht den schlenker über nonntal nach hellbrunn zu machen, aber die hitze treibt mich zurück nach hause. ins alte zuhause.

und auch wenn es das alte zuhause real bald nicht mehr gibt weil die eltern ihr haus verkaufen werden, so bleiben die orte von früher bestehen. das ist beruhigend.

manchmal, da wird es mir zuviel. weil alle etwas von mir wollen. das telefon klingelt, schon wieder, und ein neues problem taucht hier auf, ein anderes dort. zu viel wird in meinem kopf abgeladen, was dort gar nicht hingehört, “tu das”, “tu dies”, “wir brauchen noch jenes”. da ein missverständnis, dort etwas unvorhergesehenes. dazu noch die ganzen dinge, die sowieso erledigt werden müssen. und in vielen momenten hört es sich meinem kopf dann ganz genau so an:


crossroads (what to do)
from Garvin Nolte on Vimeo. (via kekstester)

mehr arbeiten von garvin nolte sind hier zu finden.

dass die regenbogenparade ja eigentlich eine demonstration ist, bei der es um toleranz und rechte von schwulen und lesbischen menschen geht vergisst man gerne, weil natürlich gibt es musik und getränke und die ringstraße ist gesperrt, und ich sitze am rand der leeren straße, esse ein eis vom aida und warte bis die parade vorbeikommt und ich h. und b. treffe, die wie jedes jahr aus salzburg gekommen sind, und wir singen dann hie und da ein bisschen mit, quatschen und folgen den partytrucks bis zum schwarzenbergplatz.

Regenbogenparade'10

dieses jahr maschieren die gay cops austria ganz vorne mit, leider ohne originale uniformen, aber egal. jedenfalls bin ich froh, trotz allem in einem land zu wohnen, in dem menschen, die sich outen keine gesetzlichen strafen fürchten müssen, und dass das hier ein land ist, in dem man für seine haltungen und rechte demonstrieren darf, in dem man laut geben kann ohne sofort eingesperrt zu werden. man vergisst ja gerne dass das erstens nicht die regel ist und zweitens lange dafür gekämpft wurde, damit das möglich ist.

gleichzeitig wird es wohl noch lange dauern (oder in österreich auch nie stattfinden), dass bei der regenbogenparade zum beispiel eine delegation von schwul-lesbischen kindergärtnerinnen und kindergärtnern und lehrerinnen und lehrern mitgeht. oder eine delegation von schwulen priestern. weil es eben dann doch (noch) nicht so einfach ist mit “gay pride” in österreich.

Regenbogenparade'10

am 1. juli war am heldenplatz eine demonstration für eine menschenwürdige asylpolitik. auslöser ist das tauziehen um und die nun tatsächlich erfolgende abschiebung von familie zogaj. aber es gibt abgesehen von dem fall noch viele andere, und es zeigt sich, dass hier recht nicht gleich recht ist.

der oberste verfassungsgerichtshof entscheidet vor einigen jahren, dass in den zweisprachigen regionen kärntens die im staatsvertrag von 1955(!) angekündigten zweisprachigen ortstafeln aufgestellt werden müssen, doch es passiert immer noch nichts. kürzlich entscheidet der oberste verfassungsgerichtshof, dass  familie zogaj doch ausgewiesen wird  (wenngleich es immer wieder die möglichkeit des humanitären bleiberechts gegeben hätte, was das innenministerium jedoch ignorierte) und dieses recht wird nun stante pede umgesetzt.

zudem wirft man der familie vor, sich “unzulässig integriert” zu haben, weil sie ja unzulässig in österreich war, die familie, und sich während der zeit eben sozial integriert hätte, und somit sei die integration natürlich auch unzulässig erfolgt. und überhaupt gäbe es ja im kosovo gute psychiater bei denen sich die psychisch schwer angeschlagene mutter in behandlung begeben könne.

so geht das bei uns hier in österreich.

Demo für menschenwürdige Asylpolitik

bei der demonstration wird eine botschaft von elfriede jelinek abgespielt, und es handelt sich dabei um diesen sehr guten text. auch sonst sind die ansprachen vernünftig (was ja bei demonstrationen die per se gern ins parolenhafte kippen keine selbstverständlichkeit ist). nur hatte ich mir mehr menschen erwartet.

und dabei fällt mir ein, dass ich noch googeln muss, ob österreich das einzige land ist in dem man asylwerbern während ihr asylantrag läuft verbietet zu arbeiten, mit ausnahme der ausübung des gewerbes der prostitution.

als ich einige stunden später durchs museumsquartier gehe, sind dort gefühlt beinahe mehr menschen als vorher bei der demonstration, aber naja.

A Night At The Museum(squartier)

am freitag, auf dem weg zum bahnhof st. pölten. ein junger mensch in voller rugby montur samt schulterdings und helm radelt auf einem viel zu kleinen fahrrad an mir vorbei. wenig später steht eine ente am bach und quakt, genauso und an der gleichen stelle wo  sie es schon getan hat als ich stunden vorher in die andere richtung vorbei gegangen bin.

heute ist der längste tag des jahres. draußen ist es dunkelgrau und es hat 15 grad, des nächtens brauche ich eine decke zusätzlich. ab morgen wird es finsterer. ich habe eine sehnsucht nach dem norden, wo jetzt die nacht nur vier stunden beträgt und bis nach mitternacht das licht am horizont steht. die schweden essen heute heringssalat, frühkartoffeln und erdbeeren mit schlag. sie trinken aquavit, singen ein merkwürdiges froschlied wenn sie um den maibaum hüpfen und sind überhaupt ein freundliches völkchen.

ich war zu lange nicht dort.

“frau affectionista! ich hab sie am wochenende im fernsehen gesehen!!” ruft meine steuerberaterin durch den hörer, als ich sie wegen etwas kompliziertem anrufe. ich so: “was? wo?” und da fällt es mir ein: ich war etwas eine halbe sekunde im bild, als in den seitenblicken über das sommerfest einer filmproduktionsfirma berichtet wurde. “gut haben sie ausgeschaut!” meint meine steuerberaterin noch, bevor wir uns der eigentlichen sache zuwenden. irgendwie finde ich das amüsant. aber auch merkwürdig.

ich kenne ein, zwei menschen in meinem umfeld, die mit familienratssitzungen, politischen diskussionen, gesprächen über geschlechterrollen und sonstigen debatten am esstisch aufgewachsen sind. alle anderen sind damit genau wie ich nicht sozialisiert worden.

das artikulieren von unbehagen, das einnehmen von positionen, das besitzen von haltungen, das aufstehen und sich dafür einsetzen, das ist alles neu für mich. es macht mir angst, ich habe keine übung darin.

aber ich habe angefangen. am wochenende, als die debatte um das neue orf-gesetz hochgeschwappt ist und sich anhand der einstellung der futurezone zeigte, dass hier qualitätsjournalismus gegen onlinewerbeeinnahmen getauscht wird. ich habe mails an die verantwortlichen politiker und an die orf- und vöz-verhandler geschrieben. ich habe getwittert und links auf facebook gepostet. und weil das andere auch getan haben gab es einiges an berichterstattung. verhindert werden konnte die einstellung der futurezone nicht, aber immerhin wurden die argumente gehört.

vielleicht wirkt das für manche lächerlich, aber für mich ist das ein großer schritt, eine haltung einzunehmen und sie öffentlich zu artikulieren. ich fühle mich angreifbar und habe angst, keine instrumente zur verteidigung zu haben, wenn zurückgeschossen wird. aber ich werde das lernen, hoffentlich.

und heute musste ich gleich wieder ein e-mail schreiben. diesmal an die geschäftsführer der firma die diese kleinen sackerl mit werbeprospekten an unsere wohnungstüren hängen. in dem sackerl von gestern war ein flyer für diverse nachtclubs in znaim. samt zimmerpreisen, nackten frauen und der bewerbung von “vibrator- und lesbo-shows”. ich finde, eine so offene bewerbung von prostitution hat da nichts zu suchen, vor allem nicht in einer werbeform, die ohne einschränkung kindern und personen, die sich davon belästigt fühlen, zugänglich ist. das habe ich sowohl den herren geschäftsführern (in deren firma es laut homepage nur eine einzige frau gibt) als auch dem österreichischen werberat gemailt. inklusive eines links zu einem artikel über die situation der prostituierten in znaim und umgebung.

nur zur information: ich verrate meine figuren und ihre geschichten nicht. (das muss jetzt keiner verstehen, es handelt sich um etwas berufliches.)

#

ich habe neue nachbarn. unter mir wohnt für zwei tage jemand aus der sackbauer-dynastie. (aber muss das denn sein, dass mich der beruf auch noch zu hause besucht?)

#

es gibt ansonsten wenig zu berichten. ich bin langsam. ich lese, manchmal spiele ich klavier, ab und zu treffe ich mich mit freunden. es fließt mit kleinen ausnahmen alles so dahin. endlich.

beim aufräumen des büros (ich lasse ja zur zeit keinen ort aus, aufräumtechnisch) einige uralte backup cds gefunden. darauf meine diplomarbeit, von der ich dachte, sie würde nur mehr in einer einzigen fotokopierten gebundenen version existieren. dazu noch viele dateien aus dem studium, und die von der zeit am theater zwischen 1996 und 2000. requisitenlisten, seminararbeiten, faxkorrespondenzen. nicht alle dokumente lassen sich öffnen, aber einige schon. auch fotos, fast 10 jahre alt.

die zeit vergeht.

der plötzliche ausbruch des sommers hinterlässt mich ratlos und verschwitzt.

#

#

ich wohne hier seit drei jahren und werde nun endlich den begrünten innenhof erobern. jetzt, wo er verwildert ist und die pumpe läuft, die das wasser in dem winzigen künstlichen teich plätschern lässt.

#

man soll keine entscheidungen treffen wenn man sich ärgert. deswegen bleibe ich in meiner wohnung. in meiner wohnung, die ich eigentlich sehr gerne mag, und die alle sehr gerne mögen, die mich besuchen kommen. das straßenseitige ist der einzige makel. aber sonst ist es ja wirklich eine wohnung, die ich sehr mag.

schon wieder die träume von wohnungen, die mir nicht gehören, in denen ich nur geduldet bin, vom wohnungssuchen und so fort.

das internet schlägt als interpretation vor “welche anteile meines selbst habe ich in besitz genommen?”.

ich gehe mich jetzt also finden.