Archives for category: das erzählen

ich lese in schüben. lesen, also für mich alleine jetzt, das habe ich schon länger nicht mehr getan. ich lese tagsüber drehbücher und vorher und nachher im internet in blogs und zeitungen herum. aber selten bücher. ebooks gar nicht.

manchmal stolpere ich aber im internet über großartige langtexte, und wenn die artikel nicht im new yorker stehen (das printabo ist günstig und die ipad ausgabe kommt jetzt auch für uns in übersee gratis dazu) finde ich sie über give me something to read.

gerade eben ist deren jahresliste mit den besten langen texten 2011 herausgekommen. ich bin dann mal lesen.

ich habe mich nie für den bachmannpreis begeistert, überhaupt bin ich ungebildet was gegenwartsliteratur betrifft und es vergehen monate in denen ich nichts außer viele berufsbedingte drehbücher und internetartikel lese. immerhin bin ich neugierig und schaue in die videos der bisher drangekommenen autorInnen hinein. ich kann mich aber nicht auf die texte konzentrieren weil ich die ganze zeit über das sprechen nachdenken muss. ob es da geheimabsprachen gibt zum beispiel, die da lauten: sprich so unbetont und neutral wie möglich. setze pausen an stellen wo sie unnatürlich wirken. keine tempiwechsel. und so fort.

ich würde das wirklich gerne verstehen, kann mich aber nur in vermutungen ergehen. vielleicht sind viele autorInnen menschen die per se nicht gern vor publikum lesen, und schon gar nicht um die wette (überhaupt: “wettlesen” – wtf?). und vielleicht herrscht ja eine angst dass man in die unterhaltungsecke gedrängt würde wenn man zu lebendig liest. und vielleicht sollten die eigenen texte schlichtweg besser von fremden menschen interpretiert werden. und vielleicht tut das diesen textsorten andererseits gut wenn man sie genauso vorliest wie hier.

und dann das reden der expertInnen über die texte die über den autor, die autorin oft sprechen als säße er oder sie nicht da.

ich habe keine ahnung von dem ganzen, aber diese bachmannpreissache ist für mich eine große merkwürdigkeit.

heuer bei der diagonale in graz viele dokumentationen gesehen. dabei einige gute die den menschen sehr nahe kommen.

auch im nachhall der unten beschriebenen aktion “zeitgeschichten” frage ich mich tage danach immer noch was ich mit meinem beruf überhaupt anfange. so viele echte geschichten sind da draußen, manche zerreißen mir das herz (die mißbrauchsgeschichte bei den zeitgeschichten zum beispiel), andere bringen mich spontan zum lachen, alle berühren sie mich, und dasselbe passiert mir bei den protagonistInnen der guten dokumentarfilme.

ich verbringe meine tage hingegen damit mich mit ausgedachten leben zu beschäftigen, mit fiktiven figuren. 90% dessen dient der unterhaltung, was ich für vollkommen berechtigt halte. die übrigen 10% gehen immerhin ans eingemachte. aber trotzdem: das echte leben ist so viel voller, reicher, unmittelbarer als das meiste des erdachten.

gleichzeitig liebe ich meinen beruf immer noch, nach sieben jahren. ich liebe die unterhaltungsfilme aus vollem herzen. aber ich merke dass ich wählerisch werde bei den projekten die ich zusätzlich annehme. ich weiß jetzt wonach ich bei neuen geschichten suche bevor ich zusage.

im grunde will ich filmstoffe lesen und sehen, die mir über die konkrete geschichte hinaus etwas über das mensch sein an sich erzählen. darüber dass menschen dieselben dinge umtreiben wie vor 3000 jahren und wie in weiteren 3000, sofern es dann noch menschen gibt und wir uns noch nicht selbst zerstört haben.

wir mögen zwar ipods und laptops mit uns herumtragen, aber im innersten geht es immer um das gleiche, davon bin ich überzeugt. die seelischen verletzungen, die emotionalen aggregatzustände, die haben sich nie geändert. der mensch ist dem menschen ein wolf, ist es immer gewesen und wird es immer sein. einer allein ist mit sich selbst beschäftigt, ab zwei wird es fragil und ab drei menschen kompliziert. und wunderschön, und harmonisch, und konfliktreich, und aufregend, und abgründig, und hasserfüllt, und all das eben was das leben ausmacht.

und genau diese geschichten will ich finden und an ihrer entstehung mitarbeiten. die erzählungen die nicht über sich selbst hinausweisen sind zwar oft auch gut und haben manchmal das bessere handwerk vorzuweisen, aber was mich wirklich interessiert ist etwas anderes. vielleicht erfahre ich dann auch in ausgedachten filmen etwas über die menschen im realen. das würde mir sehr gefallen.

gerade mit marlen haushofers DIE WAND fertig geworden. die ersten 30 seiten waren mir ob der betulichen sommeralpenidyllengrausamkeit so unheimlich dass ich es nicht vor dem einschlafen lesen konnte. und natürlich dachte ich gleich an THE ROAD, das ich letzten herbst gelesen habe. aber außer einer vagen ähnlichkeit im setting hinkt der vergleich ohnehin.

ich glaube die betulichkeit der sprache hat mich am meisten gewundert, und vielleicht ist das aber die beste entscheidung für diese geschichte. denn wenn die ausgangssituation schon so unfassbar kantig und einschüchternd ist, wieso sollte man sich dann sprachlich auch noch draufsetzen? (wobei mir ja die trockene sprache von THE ROAD auch wieder gut gefallen hat.)

spannend, was da zwischen den zeilen verhandelt wird – das frausein, die gesellschaft, die natur und der mensch. und dass ich mir erst jetzt darüber gedanken mache wieso die option wegzugehen und einen ausbruch zu versuchen von der protagonistin gar nicht unternommen wird. vielleicht ist es ja sogar für die gar nicht so schlecht dass sie da auf sich selbst zurückgeworfen immer naturgewaltiger wird.

nur die verfilmung kann ich mir immer noch nicht vorstellen. nicht dass ich martina gedeck nicht zutrauen würde den film alleine zu tragen. aber das wesentliche sind ja die gedanken und die wären nur durch ein sehr gut geschriebenes voice over auf den film zu übertragen. aber voice over sind ja immer so eine sache. ich warte ab.

“fate has ordained that the men who went to the moon to explore in peace will stay on the moon to rest in peace.” (*)

was wäre wenn die mondlandung damals mit einem crash geendet hätte? was wäre, wenn die astronauten mit ein bisschen sauerstoff und keiner möglichkeit zur rückkehr auf dem mond geblieben wären, um dort zu sterben? hier kann man es sich anhören. (via vsl)

ich bin in so einer stimmung. eine antony and the johnsons stimmung. in der kommen geschichten aus der kindheit, erzählungen von liebe und anmutungen von poesie vor. während ich auf die ubahn warte, finde ich im ipod eine liveaufnahme von einem konzert, das antony vor längerem in schweden gab. als zugabe spielt er ein lied mit dem namen “dream about who you are”. nachdem er die titelzeile einige male samtig ins mikrophon gesungen hat, fängt er an zu erzählen. und was er da erzählt ist so wunderschön, dass ich es für euch transkribiert habe.

i’ve been doing this thing recently where i’ve been imagining myself in the future, talking to myself in the present. say i’m 36 right now. i can go and visit my seven year old me, and say: (whispers) “i love you.” then you listen and then there’s gonna be a seven year old who’s gonna say “what was that? wait a minute. what was that message?”.

but you can do it for yourself today because i never get that message clear. you know what i mean? so think a hundred years into the future. when your spirit is somewhere else completely in a great place. and that person’s still calling out to you: (whispers) “i love you, you’re so great”. you need that message.

so let’s just try that. imagine yourself a hundred years in the future. your spirit has tranformed. what is the most beautiful thing you can possibly imagine? the first thing in your mind? that’s it. keep it in your mind. that’s what you gonna be in a hundred years. so that person, that thing has a little mouth or a speaking ability, and it comes back as a ghost and visits you and says: (whispers) “i love you”.

it’s so great. you can try it. try it at home.

Uns ist in alten mæren   wunders vil geseit
von helden lobebæren,   von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,   von weinen und von klagen,
von küener recken strîten   muget ir nû wunder hœren sagen. (*)

ich lese die aventüren mittelalterlicher recken nach, es handelt sich eigentlich um eine kleine recherche für ein filmprojekt, aber in wahrheit erinnere ich mich an den unterricht im mittelhochdeutschen in der germanistik, und wie ich mich gequält habe mit lautverschiebungen, übersetzungen und was weiß ich. vielleicht war es sogar das erste mittelhochdeutschseminar (und dann noch das eine anstrengende proseminar in sprachwissenschaft), das mich dazu veranlasst hatte statt der germanistik doch die publizistik als hauptfach meines studiums zu wählen.

und trotzdem sind diese ersten verse des nibelungenlieds etwas besonderes. sie haben sich bei mir eingeprägt, sie erwecken ein bild von männern mit schwertern, burgfräuleins, kämpfenden helden und heldinnen, von verrat, neid, missgunst, großer liebe und großem leid. dasselbe gefühl habe ich, wenn mir die ersten zeilen der odyssee unterkommen.

“singe mir, oh muse…” – es gibt wohl weniges das mächtiger ist als das geschichtenerzählen.